Zur Beziehung zwischen Märchen und Sage

Bu Derginin Diğer Makaleleri

Boratav,Pertev Naili ; "Zur Beziehung zwischen Märchen und Sage" ; Deutsches Jahrbuch für Volkskunde ; 1966 ; Cilt : 12 ; Sayı : 12 ; Sayfa Aralığı : 361-365 ;
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Über die Definition des Märchens und der Sage sowie über die grundsätzlichen Züge, die beide Gattungen unterscheiden, wurde schon viel gesagt und geschrieben (1). Ich will hier diese Frage nicht erneut stellen und diskutieren. Meine Absicht ist es nur, einige charakteristische Beispiele aus der türkischen Folklore aufzuzeigen, in denen sich sogenannte Übergangstypen finden. Ich halte die türkische Folkloristik in dieser Hinsicht für interessant, weil es in meinem Lande noch möglich ist, die Verwandlung einer der beiden Gattungen in die andere am lebendigen Beispiel zu beobachten.

1. Beispiel: Sowohl im Märchen als auch in der Sage kann durch die Art und Weise des Erzählens, den Stil, die Ausdrucksweise, die Stoffülle usw., durch das Verhalten des Erzählers und seines Milieus die Gattung oder das Genre bestimmt werden.

a) Märchen (TTV 91, AaTh 898 IIIc, IV): Eine Frau ist kinderlos. Ein alter Mann gibt ihr den Rat, eine Puppe herzustellen und eine Schwangere zu simulieren. Sie tut das auch. Als die Zeit gekommen ist, simuliert sie die Geburt. Ihr Mann und alle anderen werden getäuscht. Man hält die neugeborene "Tochter" vor allen verborgen, weil sie sehr schön ist und man den bösen Blick fürchtet. So "wächst sie heran". Ein Königssohn hört von ihrer "Schönheit" und verliebt sich in sie. Die Hochzeit findet statt, und bei der Fahrt "der Braut" zum Schloß des Königssohns wirft die Mutter die Puppe in den Fluß. Die Gäste des Hochzeitszuges ziehen sie heraus: Die Peri haben sie beseelt; sie ist ein junges und schönes menschliches Wesen geworden (2).

b) Sage (Die steinerne Puppe) (3) : Einer Frau, die keine Kinder bekommt, wird von ihrem Mann angedroht, er werde sie verstoßen. Ein alter Mann rät ihr, eine "Puppe aus Stein" an zufertigen und zu Gott zu flehen. Die Frau befolgt den Rat: sie legt die Puppe in eine Wiege und singt ein Wiegenlied, in dem ihre inbrünstigen Gebete zum Ausdruck kommen. Die Puppe wird lebendig (Version von Kastamonu).

Das gemeinsame Thema beider Erzählungen weist ohne Zweifel auf einen allgemein bekannten Ritus des Sympathiezaubers hin. Wir haben Belege dafür vom Altertum bis zur Gegenwart. Durch das Symbol einer Puppe soll Fruchtbarkeit erlangt werden (4). Im gleichen Sinne erscheint das Symbol in beiden Erzählungen als ein Relikt. Selbst in den kurzen Resumes, die wir hier geben konnten, wird man die charakteristischen Züge der beiden Gattungen, Sage und Märchen, mühelos wiedererkennen. Jede Erzählung ist gattungsmäßig klar bestimmt.

2. Beispiel: In anderen Fällen stellt sich die Frage jedoch komplizierter dar, und man stößt bei der Entscheidung für eine der beiden Gattungen häufig auf Schwierigkeiten.

Ein typisches Beispiel bildet in dieser Hinsicht das Märchen von den zwei Buckligen. Es handelt sich um zwei bucklige Gesellen, die übernatürlichen Wesen begegnen (in manchen westlichen Versionen Zwergen, in den übrigen anderen Wesen). Der erste bekommt, weil er auf diese oder jene Weise die übernatürlichen Wesen zufriedengestellt hat, den Lohn, daß sein Buckel verschwindet. Der zweite aber, der in negativer Weise handelt, wird mit einem zweiten Buckel bestraft. (Vgl. Die Geschenke des kleinen Volkes, KHM 182; AaTh 503 ; TTV 118; BP, III 824ff.). Ina-Maria Greverus hat dem Märchen eine besondere Studie gewidmet (Fabula I, 1958, 263 ff.): Sie beansprucht den Stoff für das Sagenrepertoire und gelangt zu dem Schluß, daß der Ursprungsort der Erzählung wahrscheinlich in den keltischen Ländern zu suchen sei, weil 1. die Lokalisierung meist in diesen Gegenden vorgenommen werde und 2. der schlechte Charakter des zweiten Gesellen, der einen weiteren Buckel erhält, ein Charakterzug, der die Erzählung in ein Märchen verwandelt, ein sekundäres Motiv sei, das von Erzählern aus vom Ursprungsort entfernten Gebieten hinzugefügt wurde. In der Türkei ist diese Erzählung jedoch als Sage und als Märchen bezeugt (5). Die im türkischen Katalog analysierten drei Versionen sind von I.-M. Greverus nicht herangezogen worden. Ich will und kann hier ihr Argument nicht zurückweisen, daß die uns vorliegenden türkischen Versionen zahlenmäßig allzu gering sind, meine jedoch, daß G.’s Schlußfolgerung vielleicht auf Grund dieser neuen Sachlage zu revidieren wäre.

Jedenfalls besitzen wir mit dieser Erzählung ein Thema, das sowohl im Märchen als auch in der Sage entwickelt ist.

 

* Abkürzungen:

AaTh = Antti Aarne und Stith Thompson, The Types of the Folktale. 3. Ausg. Helsinki 1961 (= FFC 184).

BP = J. Bolte und G. Polivka, Anmerkungen zu den Kinder-und Hausmärchen der Brüder Grimm. 5 Bde. Leipzig 1913 —1931.

HBH = Halk Bilgisi Haberleri (Istanbul). Bde I—X, 1929 —1941.

Motif-Index = Stith Thompson, Motif-Index of Folk Litterature. 2. Ausg. 6 Bde. Kopenhagen 1955 —1958.

TTV = W. Eberhard und P. N. Boratav, Typen türkischer Volksmärchen. Wiesbaden 1953

 

(1) Vgl. unter den neuesten Untersuchungen: Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen. 2. Aufl. Bern i960; ders., Volksmärchen und Volkssage. Zwei Grundformen erzählender Dichtung. Bern und München 1961; Lutz Röhrich, Märchen und Wirklichkeit. 2. Aufl. Wiesbaden 1964; K. V. Öistov, Zur Frage der Klassifikationsprinzipien der Prosa-Volksdichtung. Vortrag auf dem VII. Internationalen Kongreß der anthropologischen und ethnologischen Wissenschaften. Moskau 1964.

(2) 13 Versionen dieses Märchens wurden in TTV analysiert; 3 weitere, die in der letzten Zeit aufgezeichnet wurden, sind dort noch nicht enthalten: Ankara 62,16 (nicht lokalisiert); Ankara 62,27 (Bolu); Ankara 65,7 (nicht lokalisiert). Handschriftliche Texte der Sammlung Boratav.

(3) 5 gedruckte Versionen: Ali Vahid, Bolu’da çocuk bakirm (Die Kinderwartung in Bolu). In: HBH II (1931) 85; M. Çakir Ülkütaçcr, Taçbebek efsanesi (Die Erzählung von der steinernen Puppe). In: HBH VII (1938) 217.—219) (nicht lokalisiert); Enver Behnan Çapolyo, Halk ninnileri (Wiegenlieder des Volkes). Istanbul 1938,100 —104 (nicht lokalisiert); Nasih Güngör, Taçbebek efsanesi (Die Erzählung von der steinernen Puppe). In: Yeni Görü? (Kastamonu), I (1939) Nr. 5; EçrefÔzen, Koç Mustafa efsanesi (Die Erzählung von Koç Mustafa). In: Kaynak (Bahkesir) V, 324— 325, Nr. 60; 2 hs. Versionen (Sammlung Boratav): Version von Ankara, aufgezeichnet durch Neriman Uygur; Version von Bolu, aufgezeichnet von Neclâ Çuhadaroglu.

(4) Vgl. L. Becq de Fouquières, Les jeux des Anciens. Paris 1869 (1. Kap.); Charles Béart, Recherches des éléments d’une sociologie des peuples africains à partir de leurs jeux. Paris i960, 15 ff.; Max von Boehn, Puppen. München 1929; Edit Fél, Tamâs Hofer und Klara Csilléty, L’art populaire en Hongrie. Budapest o. J. (Photo Nr. 208: eine von kinderlosen jungen Frauen verfertigte Puppe); S. Eyüboglu, Anadolu’da halk hekimligi (Volksmedizin in Anatolien). In: Tipta yenilikler, 1961, Nr. 6, 78.

(5) Außer den in TTV 118 analysierten existieren noch 2 weitere Verisonen: 1 im Märchen stil (hs.) in letzter Zeit aufgezeichnet : Ankara, 64,52 (nicht lokalisiert); 1 als Legende, lokalisiert in Istanbul: M. Halit Bayrt, Istanbul folkloru (Die Folklore von Istanbul). Istanbul 1947, 176 h







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